1X NEO-Hand: 25 Freiheitsgrade für Humanoide

NEO bekommt neue Roboterhände mit 25 Freiheitsgraden

Die humanoide Roboterplattform NEO von 1X bekommt eine neue, sehnengetriebene Hand mit 25 Freiheitsgraden. Der Hersteller will damit eine der hartnäckigsten Grenzen heutiger Humanoiden verschieben: Ein leistungsfähiges KI-Modell nützt im Alltag wenig, wenn der Roboter nur grob greifen, Gegenstände nicht ertasten oder seine Kraft nicht zuverlässig dosieren kann.

Die am 9. Juli 2026 vorgestellte Konstruktion kombiniert 22 aktiv angetriebene Freiheitsgrade in Fingern und Handfläche mit drei weiteren im Handgelenk. Hinzu kommen Kraftregelung, Rücktreibbarkeit, taktile Sensorik und eine laut 1X auf hohe Stückzahlen ausgelegte Fertigung. Das ist technisch relevanter als eine weitere spektakuläre Demo, denn es betrifft die physische Schnittstelle zwischen KI und realer Welt.

Kurz gesagt: 1X versucht, aus der Roboterhand zugleich Aktor und Sensor zu machen. NEO soll nicht nur Befehle ausführen, sondern über Gelenke und Haut messen, wie ein Objekt auf Berührung reagiert. Sämtliche Leistungs-, Haltbarkeits- und Produktionsangaben in diesem Artikel stammen aus der offiziellen 1X-Ankündigung und sind bislang nicht unabhängig verifiziert.

Offizielle 1X NEO Roboterhand mit 25 Freiheitsgraden und technischen Daten
Offizielle Übersicht zur neuen NEO-Hand. Quelle: 1X, NEO’s Hands, abgerufen am 12. Juli 2026. Herstellerangaben, nicht unabhängig verifiziert. Bild antippen zum Vergrößern.

Was 1X bei NEOs neuer Hand verändert

Viele Robotergreifer sind für einen klar begrenzten Ablauf gebaut. Sie schließen zwei Backen um ein Teil, bewegen es und lassen es an einem definierten Ort wieder los. Das ist in einer strukturierten Fabrikzelle sinnvoll, reicht aber nicht für einen humanoiden Haushaltsroboter. Eine Küche, ein Kleiderschrank oder ein Werkzeugkasten enthält Gegenstände mit wechselnden Formen, Oberflächen und Widerständen.

1X beschreibt herkömmliche Hände deshalb als weitgehend schreibende Schnittstellen: Die Steuerung gibt eine Position vor, doch aus dem Antrieb kommt nur wenig verwertbare Information über den Kontakt zurück. Hohe Übersetzungen von 100:1 oder 200:1 können externe Kräfte durch Reibung im Getriebe verschlucken. Zusätzliche Kameras oder externe Sensoren müssen dann indirekt schätzen, was an den Fingern passiert.

Die neue NEO-Hand soll dagegen lesen und schreiben. Ihr proprietärer Sehnenantrieb arbeitet laut Hersteller mit deutlich niedrigeren Übersetzungen von ungefähr 5:1 bis 15:1. Alle 25 Freiheitsgrade seien kraftgeregelt und vollständig rücktreibbar. Wird ein Finger von außen bewegt, soll er nachgeben und zugleich melden, welche Kraft auf ihn wirkt.

Diesen bidirektionalen Informationsfluss nennt 1X Krafttransparenz. Für lernende Roboter ist das entscheidend: Eine Greifbewegung produziert nicht nur eine Aktion, sondern auch Messdaten. Der Roboter kann registrieren, ob ein Objekt nachgibt, rutscht, verkantet oder unerwartet Widerstand leistet.

25 Freiheitsgrade: Mehr als eine Marketingzahl

Die Zahl 25 setzt sich aus 22 voll angetriebenen Freiheitsgraden in Fingern und Handfläche sowie drei Freiheitsgraden im Handgelenk zusammen. Entscheidend ist nicht allein die Anzahl, sondern ihre Verteilung. 1X betont insbesondere einen opponierbaren Daumen, weil viele präzise menschliche Griffe vom Zusammenspiel zwischen Daumen und einzelnen Fingern abhängen.

Eine hohe Beweglichkeit erweitert das Repertoire erheblich. Ein einfacher Zwei-Finger-Greifer kann greifen, ablegen und schieben. Eine anthropomorphe Hand muss dagegen Gegenstände innerhalb der Hand drehen, einen Reißverschluss führen, einen Schraubendreher stabilisieren oder eine zerbrechliche Oberfläche mit wenig Kraft berühren.

In der offiziellen Demonstration nennt 1X unter anderem folgende Aufgaben:

  • einzelne Schrauben und Münzen aufnehmen,
  • LEGO-Strukturen zusammensetzen,
  • eine Glühbirne drehen und einsetzen,
  • einen Schraubendreher benutzen,
  • einen Reißverschluss schließen,
  • Trauben nach Farbe sortieren,
  • Tee aus einem Kessel eingießen,
  • einen weichen Ball fangen,
  • einen USB-C-Stecker einführen,
  • ein Weinglas greifen,
  • Oberflächen mit Papiertuch und Sprühflasche reinigen,
  • Gebärden mit der Hand darstellen.

Diese Liste zeigt die angestrebte Bandbreite, ist aber kein unabhängiger Benchmark. Kuratierte Videos belegen, dass einzelne Abläufe unter den gezeigten Bedingungen funktionieren. Sie beantworten noch nicht, wie hoch die Erfolgsquote bei wechselnden Objekten, Beleuchtungen, Startpositionen oder langen Einsatzzeiten ist.

Die Gelenke sollen zugleich Sensoren sein

Die Hand misst nach Angaben von 1X fortlaufend ihre eigene Stellung. Diese Propriozeption entspricht funktional dem Wissen eines Menschen darüber, wo sich seine Finger befinden, auch ohne hinzusehen. Kombiniert werden dabei Gelenkposition und aufgebrachte Kraft.

Darüber hinaus sitzt in der weichen Außenhaut taktile Sensorik. Sie soll drei wichtige Größen erfassen:

  • normalen Druck auf die Oberfläche,
  • den Ort des Kontakts,
  • Scherkräfte, die auf beginnendes Rutschen hinweisen.

Diese Daten ergänzen Kamerabilder. Vision ist bei transparenten, kleinen, verdeckten oder verformbaren Objekten häufig unvollständig. Ein Glas kann im Bild schwer zu segmentieren sein, Stoff verändert während des Greifens seine Form und ein Finger verdeckt genau den Kontaktpunkt, den die Kamera beobachten müsste.

Taktile Rückmeldung erlaubt eine lokale Reaktion. Erkennt die Hand eine seitliche Scherkraft, kann sie theoretisch nachgreifen, bevor das Objekt vollständig rutscht. Ob diese Reaktion in allen gezeigten Situationen autonom und robust funktioniert, lässt sich aus der Herstellerveröffentlichung allein nicht ableiten. Die Hardware schafft aber die nötigen Messkanäle für entsprechende Regelungs- und Lernverfahren.

Kraft, Präzision und Schutzklasse im Überblick

1X veröffentlicht ungewöhnlich konkrete technische Eckdaten. Die maximale distale Fingerkraft soll 45 Newton erreichen. Am Daumensattelgelenk nennt der Hersteller ein Spitzendrehmoment von 3,5 Newtonmetern, an den Fingergrundgelenken 2,6 Newtonmeter. Das Handgelenk soll bis zu 17,75 Newtonmeter liefern.

Gleichzeitig gibt 1X eine Positioniergenauigkeit von plus/minus 0,2 Millimetern an. Die Kombination aus Kraft und Genauigkeit ist wichtig: Eine Hand, die nur kräftig schließen kann, beschädigt empfindliche Gegenstände. Eine sehr präzise, aber schwache Hand kann keine Türen öffnen oder beladene Wagen schieben.

Die neue Konstruktion soll außerdem nach IP68 gegen Staub und dauerhaftes Untertauchen geschützt sein. Die verwendeten Materialien bezeichnet 1X als lebensmittelecht. In der Demonstration wäscht NEO seine Hände. Das ist mehr als eine nette Szene, denn Haushaltsrobotik bringt zwangsläufig Wasser, Schmutz, Lebensmittel und Reinigungsmittel in die Nähe der Mechanik.

Auch die Sicherheit soll von den niedrigen Übersetzungen und der geringen Masse in den äußeren Fingergliedern profitieren. Bei einem Stoß können die Gelenke nachgeben, statt die externe Kraft starr weiterzugeben. 1X zeigt Belastungstests mit Schlägen, einer zufallenden Schublade und einem Hammer. Solche Demonstrationen ersetzen keine standardisierte Sicherheitszertifizierung, illustrieren aber das Konstruktionsprinzip.

Warum der Sehnenantrieb eine zentrale Rolle spielt

Die Motoren sitzen laut 1X nicht direkt in den Fingern, sondern im Unterarm. Von dort übertragen proprietäre Sehnen die Kraft durch das Handgelenk. Dadurch können die Finger leichter bleiben, während größere Antriebe im Unterarm höhere Kräfte erzeugen.

Weniger Masse an den Fingerspitzen hilft in drei Bereichen:

  • Sicherheit: Ein leichter Finger trägt bei einer Kollision weniger Bewegungsenergie.
  • Dynamik: Geringere Trägheit erleichtert schnelle Richtungswechsel.
  • Temperatur: Die Hand kann schlanker bleiben, während Wärme an einer günstigeren Stelle entsteht.

Der Ansatz hat allerdings eigene Herausforderungen. Sehnen müssen zuverlässig geführt, gespannt und gegen Verschleiß ausgelegt werden. 1X erklärt, Komponenten und vollständige Fingerbaugruppen hätten Millionen Testzyklen absolviert. Für die Handgelenke nennt das Unternehmen mehr als zwei Millionen Zyklen unter hoher Last. Unabhängige Langzeitdaten aus realen Haushalten liegen in der Ankündigung nicht vor.

Die eigentliche Bedeutung liegt in den Trainingsdaten

1X beschreibt die Hand als eine API zur physischen Welt. Der Vergleich ist hilfreich, solange man ihn nicht zu wörtlich nimmt. Eine Software-API bietet definierte Operationen und Rückgaben. Die Roboterhand übersetzt hingegen Bewegungsbefehle in Kontakt mit unvorhersehbaren Objekten und liefert Messwerte über Kraft, Lage und Rutschen zurück.

Für KI-Modelle entsteht dadurch ein reichhaltigerer Lernzyklus:

  1. Das Modell plant eine Bewegung.
  2. Die Hand führt sie kraftgeregelt aus.
  3. Gelenke und Haut liefern Kontaktinformationen.
  4. Die Steuerung korrigiert den Griff.
  5. Das Ergebnis kann als Trainings- oder Evaluationssignal dienen.

Damit verschiebt sich der Engpass. Wenn die Hardware genügend unterschiedliche Handlungen ausführen und beobachten kann, werden Datenqualität, Lernverfahren, Generalisierung und Sicherheitsregeln wichtiger. Die Aussage von 1X, die Hardwaregrenze sei damit vollständig beseitigt, ist dennoch sehr ambitioniert. Reichweite, Batterielaufzeit, Gesamtkoordination des Körpers, Objektverständnis und Fehlerbehandlung bleiben reale Grenzen eines Humanoiden.

Produktion: Hunderte Hände gebaut, 10.000 als Jahreskapazität

Ein technisch beeindruckender Prototyp ist noch kein Produkt. Deshalb ist die Produktionsaussage der bemerkenswerteste Teil der Veröffentlichung. Laut 1X sind bereits Hunderte Hände von einer eigenen Fertigungslinie gelaufen. Das Unternehmen nennt eine Kapazität von 10.000 Händen im Jahr 2026.

1X fertigt nach eigenen Angaben die komplette Kette intern: Sehnenmaterialien, Motoren, Elektronik, Sensorik, weiche Polymere, Haut und Endprüfung. Vertikale Integration kann schnelle Iterationen ermöglichen und Abhängigkeiten von Zulieferern reduzieren. Sie erhöht aber auch die Verantwortung des Herstellers für Qualität, Wartung und Ersatzteile.

Die Formulierung zur Kapazität sollte nicht mit ausgelieferten Stückzahlen verwechselt werden. Eine Anlage, die 10.000 Hände produzieren kann, hat nicht automatisch 10.000 geprüfte Einheiten an Kunden geliefert. Konkrete Zahlen zu NEO-Auslieferungen, Preisen der Hand, Wartungsintervallen oder Ersatzkosten nennt die offizielle Seite nicht.

Verfügbarkeit: Bestandteil von NEO, aber kein separates Entwicklerprodukt

1X erklärt, dass die neue Hand mit jedem NEO ausgeliefert werden soll. In der Ankündigung erscheint sie nicht als separat bestellbarer Greifer für andere Roboterplattformen. Auch eine offene Hardwarelizenz oder ein allgemein zugängliches Entwicklerkit wird nicht genannt.

Damit ist der Zugang zum neuen System an die NEO-Plattform gebunden. Der Hersteller lädt Interessenten weiterhin dazu ein, sich für NEO-Updates zu registrieren beziehungsweise die Plattform zu bestellen. Ein belastbarer Zeitplan für eine breite Auslieferung, regionale Verfügbarkeit und unabhängige Praxistests geht aus der Hand-Ankündigung nicht hervor.

Für Entwickler bedeutet das: Die Hardware-Spezifikation ist konkret, die reale Zugänglichkeit aber noch begrenzt dokumentiert. Entscheidend werden Schnittstellen, Telemetrie, Steuerfrequenz, Fehlermeldungen, Simulationsmodelle und die Frage sein, welche Ebenen der Kraftregelung extern programmierbar sind.

Was Entwickler und Beobachter jetzt prüfen sollten

Die neue NEO-Hand verdient Aufmerksamkeit, aber nicht wegen des menschlichen Aussehens. Relevant sind messbare Eigenschaften und die Frage, wie sie sich außerhalb kontrollierter Demos verhalten.

Besonders wichtig sind:

  • Erfolgsquoten über viele Wiederholungen und unbekannte Objekte,
  • Reaktionszeit zwischen taktilem Signal und Griffkorrektur,
  • Kalibrierungsdrift nach Tausenden Kontaktzyklen,
  • Lebensdauer und Austauschaufwand von Haut und Sehnen,
  • Verhalten bei Nässe, Fett, Staub und Reinigungsmitteln,
  • Sicherheit bei Softwarefehlern oder Sensorausfällen,
  • verfügbare Entwicklerzugänge für Gelenk- und Taktilinformationen,
  • Reparaturkosten und Wartungsintervalle.

Ein sinnvoller Vergleich mit anderen Roboterhänden benötigt außerdem standardisierte Aufgaben. Einzelne Demo-Videos sind schwer vergleichbar, wenn Objektwahl, Versuchszahl und Fehlversuche unbekannt bleiben. Hier fehlen der Robotik weiterhin allgemein akzeptierte, alltagsnahe Benchmarks mit transparenter Erfolgsstatistik.

Wer sich für die Verbindung von Sprachmodellen und Robotik interessiert, findet ergänzend unseren Artikel zu Anthropics Project Fetch und der Robotersteuerung mit Claude Opus 4.7. Der Vergleich zeigt: Modellplanung und physische Ausführung entwickeln sich parallel, lösen aber unterschiedliche Teile desselben Problems.

Fazit: NEOs Hand ist Sensor, Aktor und Datenquelle

Die neue 1X-Hand verbindet 25 Freiheitsgrade, niedrige Übersetzungen, Rücktreibbarkeit, Kraftregelung und taktile Sensorik in einem für die Serienfertigung gedachten System. Genau diese Kombination ist für humanoide Robotik wichtig. Sie ermöglicht nicht nur vielfältigere Bewegungen, sondern liefert dem KI-System Informationen über den physischen Kontakt.

Die offiziellen Daten sind konkret: bis zu 45 Newton Fingerkraft, 17,75 Newtonmeter am Handgelenk, plus/minus 0,2 Millimeter Positioniergenauigkeit, IP68 sowie eine genannte Kapazität von 10.000 Händen im Jahr. Gleichzeitig bleiben es Herstellerangaben. Breite Auslieferungen, unabhängige Dauertests und standardisierte Vergleichswerte müssen erst zeigen, ob NEO die versprochene Alltagstauglichkeit erreicht.

Für 1X ist die Hand dennoch ein strategischer Schritt. Wenn Humanoide in unstrukturierten Umgebungen arbeiten sollen, entscheidet nicht nur die Intelligenz des Modells. Entscheidend ist, ob der Roboter die Welt zuverlässig berühren, vermessen und verändern kann.

Häufige Fragen zur neuen 1X NEO-Hand

Wie viele Freiheitsgrade hat die neue NEO-Hand?

Die Konstruktion besitzt insgesamt 25 Freiheitsgrade. Davon liegen laut 1X 22 aktiv angetriebene Freiheitsgrade in Fingern und Handfläche; drei weitere befinden sich im Handgelenk.

Was bedeutet eine rücktreibbare Roboterhand?

Bei einer rücktreibbaren Hand können äußere Kräfte die Gelenke bewegen und über den Antrieb messbar werden. Dadurch kann der Finger bei Kontakt nachgeben und zugleich Informationen über die einwirkende Kraft liefern.

Welche Kräfte erreicht NEOs Hand?

1X nennt bis zu 45 Newton distale Fingerkraft, 3,5 Newtonmeter am Daumensattelgelenk, 2,6 Newtonmeter an den Fingergrundgelenken und 17,75 Newtonmeter am Handgelenk. Diese Werte sind Herstellerangaben und nicht unabhängig verifiziert.

Ist die neue Hand wasserdicht?

Nach Angaben von 1X erfüllt sie IP68 und verwendet lebensmittelechte Materialien. Der Hersteller zeigt, wie NEO seine Hände wäscht; unabhängige Langzeittests unter Haushaltsbedingungen sind bislang nicht veröffentlicht.

Kann man die 1X-Hand separat kaufen?

Die offizielle Ankündigung beschreibt sie als Bestandteil jedes NEO-Roboters. Ein separates Entwicklerprodukt, eine offene Hardwarelizenz oder ein eigenständiger Verkaufspreis werden dort nicht genannt.

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